Die Wasser des gestauten Ederflusses stiegen und erreichten als nächstes an der Einmündung des Werbebaches die Bericher Eisenhütte und ein Gasthaus und eine Mühle, die sich dort befanden. Über viele Generationen lang war im Hochofen der Bericher Hütte Eisenerz aus den fernen Adorfer Gruben, das über den alten Eisensteinweg über Korbach mit Pferdefuhrwerken hierher geschafft wurde, verhüttet worden. Hier gab es Wasserkraft und vor allem Holzkohle aus den umliegenden Waldungen der Ederberge und in der Nähe eine Hammerschmiede. Das Hüttenwerk war aber wegen Unrentabilität bereits 1875 aufgegeben und teilweise abgerissen worden.

alte Fachwerkkirche von Nieder Werbe
Nieder-Werbe. Eine schlichte, kleine Fachwerkkirche, verputzt, stand einst am Dorfrand im Reiherbachtal.

Wo sich Werbetal und Reiherbach treffen hatte die Wasserbaubehörde ein Vorstaubecken geplant. Durch einen hohen Erdwall, auf dem heute die Straße verläuft, wurden beide Bäche aufgestaut. Das Stauwehr ist unter der Straßenbrücke verborgen. Dem Vorstaubecken im Reiherbachtal mussten 10 Höfe, eine Mühle und auch die kleine Kirche weichen.

Es war eine bescheidene, kleine Fachwerkkirche, die irgendwann – dem Zeitgeist entsprechend – weiß verputzt worden war. Das Baujahr war nicht mehr feststellbar. Das einfache Satteldach krönte am Westgiebel ein schlichter, hölzerner Glockenturm mit Pyramidenspitze. Die kleine Nieder-Werber Kirche war nie eine eigene Pfarrstelle geworden, sondern war immer Filial einer größeren Gemeinde in der Umgebung gewesen. So gehörte sie mal zum Pfarrbezirk Ober-Werbe, mal zu Sachsenhausen, aber auch zu Bringhausen oder Hemfurth, am längsten aber wohl zu Berich. Da die weiten Wege zum Gottesdienst in den Nachbargemeinden auch im Winter meist zu Fuß zurückgelegt werden mussten, gab es oft Klagen und auch Auseinandersetzungen, weil die Kirchenbesucher Predigt- und auch Abendmahlsgottesdienste in angemessener Zahl auch in ihrer Dorfkirche durchgeführt haben wollten.

Nachbau des Glockenturms
Heute erinnert ein Nachbau des Glockenturms am alten Standort, jetzt im Vorstaubecken, an die 10 Höfe und das kleine Kirchlein, die hier bis 1912 gestanden haben.

Dann kam das Jahr 1912, und die Nieder-Werber Kirche musste abgerissen werden. Die preußische Staatsregierung ließ als Entschädigung eine neue Kirche auf dem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Platz auf dem Hagen oberhalb des Dorfes an der Straße nach Ober-Werbe errichten. Im Jahre 1913 wurde mit dem Bau der aus Bruchsteinen aufgeführten Kirche begonnen und am 9. Mai 1915, mitten im ersten Weltkrieg, fand die feierliche Einweihung statt. Die alte Orgel war vom Orgelbauer Voigt in Korbach aufgearbeitet und in das neue Gotteshaus eingefügt worden, das nun über eine Orgelempore, zeitgemäße Bleiglasfenster, gut 150 Sitzplätze und eine Sakristei verfügte.

Zum 100jährigen Jubiläum des Ederstausees hat die Gemeinde Nieder-Werbe zur Erinnerung an ihre alte Kirche und die aufgegebenen Gebäude einen dem Altbau nachempfundenen Kirchturm im Vorstaubecken errichten lassen. Ungefähr am alten Standort erhebt sich heute ein Nachbau des früheren, hölzernen Glockenturmes auf einem Betonfundament aus dem Wasser und erinnert daran, daß auch hier mehrere Familien ihre Häuser, ihre Heimat und ihre Kirche verlassen mussten.

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